Dietrich Mateschitz verlieh der Formel 1 Flügel

Wie der Energy-Drink „Red Bull“ zur Weltmarke wurde

Danke Didi“, stand vor dem Start des GP USA auf der elektronischen Werbetafel über der Start-Zielgeraden. Die Formel 1 verabschiedete sich stilecht von Dietrich Mateschitz, einem Mann, der als Person nur wenig in der Öffentlichkeit stand, aber dessen Firma Red Bull den Sport seit Ende der 1990er Jahre immer stärker geprägt hat. Dietrich Mateschitz war ein genialer Vermarkter. Er hat aus dem Energy-Drink Red Bull mit seinen zahlreichen Sponsoring Aktivitäten ein absolutes Lifestyle- und Kult-Getränk gemacht. Die Formel 1 und andere Sportarten waren für den Milliardär Mateschitz das ideale Medium, um Red Bull zur Weltmarke zu formen. Dafür sponsorte er seit den 90er Jahren F1-Piloten wie Gerhard Berger und investierte dann in das Sauber-Team. Aber erst durch die Übernahme des Jaguar-F1-Teams Ende 2004 und dessen Umbau zum eigenen Red Bull Team wurden Mateschitz und seine Lifestyle-Getränke ab 2005 zum echten Formel 1 Faktor.

Mateschitz pumpte viel Geld in das Red Bull Racing Team – es gelang ihm Stardesigner Adrian Newey von McLaren abzuwerben und er gab seinem Team Zeit zu wachsen. Als Besitzer eines eigenen F1-Teams bekam Mateschitz die Gelegenheit, in der Formel 1 ganz anders aufzutreten. Und genau das tat das Marketing-Genie: Die sogenannte Energy-Station wurde zum Hit des F1-Fahrerlagers. Hier wurde eine neue Dimension der Hospitality eingeführt – jeder mit einem Paddock-Ausweis bekam Zutritt. Als Red Bull Ende 2006 auch noch Minardi übernahm und zum Toro Rosso Team umbaute, hatte die Energy-Station plötzlich doppelt so viel Platz im F1-Paddock. Nun wurde die „Motorhomes“ der beiden Teams zusammengelegt und allein durch die Größe zum Zentrum der Formel 1. Und Mateschitz gab weiter Vollgas: Bei jedem Rennen liefen bei Red Bull die hübschesten Mädchen des jeweiligen Landes herum, „Formula Unas“ genannt und am Morgen erhielt jeder, der das Fahrerlager betrat, eine 16 seitige tagesaktuell gedruckte Zeitung in die Hand gedrückt – das Red Bulletin. Dort fanden die Fahrerlager-Besucher täglich aktuelle Stories, witzige Bilder, Karikaturen, mit denen nicht jeder im Paddock immer einverstanden war. Aber Mateschitz traute sich etwas und sorgte für Schlagzeilen.

Sportlich etablierte sich das Red Bull Team ab 2008 auf der Überholspur. Im Mittelpunkt stand neben Star-Designer Adrian Newey der seit Beginn von Red Bull geförderte Sebastian Vettel. Der junge Deutsche fuhr ab Mitte 2007 im Red Bull-Nachwuchsteam Toro Rosso und sorgte 2008 mit seinem Überraschungs-Sieg in Monza für den ersten Sieg eines Red Bull Piloten. 2009 holte man Vettel in das Red Bull-Hauptteam und schon beim dritten GP-Rennen in China bedankte sich Vettel mit dem nächsten Sieg.

Ab 2010 waren Red Bull und Sebastian Vettel nicht mehr zu stoppen. Insgesamt vier Mal in Folge holte die Kombination bis 2013 den WM-Titel. Die Einführung des Hybrid-Reglements 2014 stoppte den Siegeszug, denn nun fiel Red Bull auf die Füße, dass man keinen Werksmotor hatte, sondern auf Kundenmotoren von Renault angewiesen war. Der Renault (zuvor ein Siegesgarant) war zu Beginn der Hybrid-Ära im Vergleich zum überlegenen Mercedes-Motor im Hintertreffen. Der vierfache Weltmeister Vettel flüchtete ab 2015 zu Ferrari und Red Bull schien aus der Erfolgsspur geraten.

Aber zur gleichen Zeit arbeitete Red Bull Motorsportberater Dr. Helmut Marko (Mateschitz’s Mann im Team) am nächsten Coup und setzte den gerade 18-jährigen Max Verstappen in den Toro Rosso. Beim Nachwuchsteam lernte der junge Holländer schnell, worauf es in der Formel 1 ankommt. Schon beim GP Spanien 2016 saß Verstappen erstmals im Red Bull – und gewann völlig überraschend das Rennen! „Red Bull verleiht Flügel“ – dieser Leit-und Werbesatz von Red Bull war erneut wahr geworden. Red Bull kämpfte auch in den folgenden Jahren mit dem Problem, keinen echten Werksmotor einsetzen zu können und ergriff deshalb die Chance: 2019 zu Honda zu wechseln. Die Erfolgsbilanz: 2019 und 2020 wurde Verstappen jeweils WM-Dritter, 2021 erfolgte in Abu Dhabi die Krönung zum Weltmeister und 2022 dominiert Red Bull mit seinem Diamanten Verstappen die Formel 1 quasi nach Belieben.

Dietrich Mateschitz hat zumindest bei zwei Gelegenheiten die Formel 1 richtig überrascht: 2013 schlug die Meldung wie eine Bombe ein, dass die Formel 1 nach Österreich zurückkehren würde. Österreich schien auf immer und ewig vom F1-Kalender verschwunden zu sein. Aber Mateschitz hatte die veraltende Rennstrecke bei Spielberg gekauft, ließ sie modernisieren und finanzierte den Grand Prix – dank Handschlag-Abkommen mit dem damaligen F1-Boss Bernie Ecclestone.

Der GP Österreich auf dem Red Bull Ring wurde sofort ein Erfolg. Der Steirer Mateschitz hatte seiner steirischen Heimat den Platz auf der F1-Weltkarte zurückerobert. Die steirische Gastfreundschaft tat ihr übriges – mit etwas Hilfe von Mateschitz: er ließ in den Dörfern der Umgebung Farbe verteilen, damit die Häuser seiner Heimat sich herausputzen konnten. Er veranstaltete ein Legenden-Rennen, bei dem sich im Rahmen des Grand Prix von Österreich die ehemaligen Helden der Formel 1 in ihren alten Wagen trafen. Niki Lauda, Gerhard Berger, Nelson Piquet, Riccardo Patrese und Jochen Mass, sie alle kamen gerne in die Steiermark, wo die Formel 1 eine neue Heimat gefunden hatte.

Einmal hat Didi Mateschitz die Formel 1 sogar gerettet: 2020 waren die Rennen wegen der Corona-Pandemie abgesagt. Die Formel 1 wusste nicht, wann sie wieder fahren könnte, weil den Regierungen das Risiko zu groß war, rund 2500 Leute aus aller Herren Länder auf einer Rennstrecke zusammenzubringen und dort ein Rennen zu veranstalten. Mateschitz und seine Red Bull-Organisation erarbeiteten ein Sicherheits-Konzept. Es wurde definiert, wo die Teams schlafen, wie sie zur Rennstrecke kommen, wo sie sich testen lassen sollten, wie sie sich an der Rennstrecke zu verhalten haben, wo sie essen und wie viele Medien zugelassen werden. Dieses Konzept stellte man der F1-Gesellschaft FOM vor und präsentierte es der österreichischen Regierung. Und irgendwie schien das Konzept für den Red Bull Ring so überzeugend, dass die österreichische Regierung ihre Erlaubnis erteilte. Mateschitz und Red Bull veranstalteten dann innerhalb von einer Woche zwei Rennen und gaben damit der F1-Saison 2020 die nach der Corona-Pause späte Initialzündung. Typisch Red Bull: die Aktion sorgte weltweit für Schlagzeilen und brachte Red Bull mal wieder in aller Munde. Klar, Red Bull hatte der Formel1 neue Flügel verliehen.

Der charismatische, aber eher zurückhaltende und öffentlichkeitsscheue Didi Mateschitz hinterlässt nach seinem Tod ein milliardenschweres Imperium. Ob seine Nachfolger die Visionen und Strategien fortführen, ist derzeit unbekannt. Unklar ist auch, ob sich die thailändischen Geschäftspartner und Mehrheitseigentümer nun mehr in die Geschäftsleitung einmischen werden.

Deshalb hat Mateschitz für seine Herzensprojekte zumindest mittelfristig die Zukunft gesichert. Dazu gehört wohl auch die Finanzierung des Red Bull Formel1 Teams. Der Rennstall soll in seinem Geiste weiter geführt werden. Wohl auch aus diesem Grund platzte die eigentlich als sicher geglaubte Kooperation mit Porsche. Die Teamführung um Christian Horner hatte wohl Bedenken, dass Porsche zuviel Mitbestimmung einfordern werde. Weil man mit der neu gegründeten Motorenschmiede „Red Bull Powertrains“ in der Lage ist, einen eigenen F1-Motor zu entwickeln und perfekt in das Red Bull Chassis zu integrieren, will sich Red Bull Racing nicht von einem Automobilkonzern wie Porsche hereinreden lassen. Insofern hält sich das Red Bull Team derzeit mehr denn je an Dietrich Mateschitzs Führungs-Stil: kurze Entscheidungswege, selbst bestimmen, und mit Vollgas aufs Ziel zusteuern.