Ford befindet sich im Wandel

Die Wurzeln liegen in den USA: „Tradition ist nicht die Weitergabe der Asche,

sondern die Weitergabe des Feuers“

Wir sprachen mit Dr. Christian Weingärtner, Managing Director Ford Deutschland, Austria, Switzerland (DACH Region)  

DIE AUTOSEITEN: Herr Dr. Weingärtner, Ford und damit auch die Marke Ford befindet sich im Wandel?

Dr. Christian Weingärtner: Ja, das stimmt. 

?: Wo soll die Reise hingehen? 

Dr. Weingärtner: Ford ist tatsächlich im Wandel, sowohl global, aber auch in ganz Europa und vor allen Dingen natürlich auch hier in der DACH-Region (Deutschland, Österreich, Schweiz, d. Red.). Das Pkw- und Nutzfahrzeuggeschäft muss man zweigeteilt betrachten. Im Geschäft mit leichten Nutzfahrzeugen sind wir in Europa heute schon die Nummer 1, in Deutschland die Nummer 3. Aber wir wollen unsere Position nicht nur halten, sondern weiter ausbauen. Wir werden also in den kommenden Jahren weiter angreifen, denn wir haben die richtigen Produkte und die richtigen Services. Im Pkw-Bereich ist die Situation für uns ein bisschen anders. Wenn man ehrlich draufschaut, sind wir in Europa eher ein kleinerer Anbieter, insbesondere im Vergleich zu der VW-Gruppe und der Stellantis-Gruppe, die in Europa drei bis vier Mal größer sind als wir. Daher werden wir unser europäisches Pkw-Geschäft anders und neu denken und künftig deutlich pointierter auftreten. Das heißt: Wir werden deutlich spannender und emotionaler werden als es vielleicht in der Vergangenheit der Fall war – und so wollen wir langfristig auch hier in Europa erfolgreich sein.

?: Sie sprachen kürzlich mit uns über die Amerikanisierung. Wie kann man das interpretieren?

Dr. Weingärtner: Ford produziert seit 1925 in Deutschland, mittlerweile sind über 47 Millionen Fahrzeuge von unseren Fließbändern im Inland gerollt. Wir haben also eine lange und erfolgreiche Tradition hier. Unsere Wurzeln liegen aber ganz klar in den USA und wir sind heute der größte verbliebene amerikanische Hersteller auf europäischem Boden. Das unterscheidet uns vom Wettbewerb. Und bei Amerika denkt man positiv an Freiheit, Abenteuer, Unabhängigkeit, Outdoor. Damit verknüpfen die Kunden bereits Ford-Baureihen wie den legendären Mustang, den Mustang Mach-E oder den Bronco – das sind Produkte, die so kein anderer Wettbewerber liefern kann, sondern nur wir. Genau in diese Richtung wird es für uns im Pkw-Bereich gehen. Die Marke Ford muss in Europa spannender werden, ja: vielleicht auch stärker polarisieren.

„Wir wollen deutlich spannender und emotionaler werden als es vielleicht in der Vergangenheit der Fall war.“

?: Mit dem Mustang sind Sie ja schon erfolgreich am Markt unterwegs? 

Dr. Weingärtner: Genau. Und das ist aus meiner Sicht ein exzellentes Beispiel. Der Mustang ist für mich ein Auto, das nur Ford bauen kann. Es gibt viele andere gute Produkte in seinem Segment, aber einen Mustang können nur wir. Ähnlich ist es mit dem Bronco, auch ein solches Auto kann nur Ford. Und wir haben mit dem Mustang Mach-E bewiesen, dass man Automobilikonen auch hervorragend in eine elektrifizierte Zukunft transferieren kann. Daher wollen wir uns eben genau mit solchen Produkten platzieren, die positive Emotionen hervorrufen und eben keine mehr oder weniger beliebig austauschbaren Allerweltautos sind.

?: Dabei spielt sicherlich auch die Elektrifizierung eine große Rolle? 

Dr. Weingärtner: Absolut. 

?: Im Bereich von PKWs wie auch bei den Nutzfahrzeugen…. 

Dr. Weingärtner: Ja, die Elektrifizierung ist die Zukunft und wir haben als einer der allerersten Hersteller angekündigt, dass wir „all in“ bei der Elektrifizierung gehen. Im März 2022 hatte die Ford-Muttergesellschaft angekündigt, bis 2026 über 50 Milliarden US-Dollar in Elektrofahrzeuge zu investieren. Für uns in Europa bedeutet das: Ab 2026 werden wir in jeder Pkw-Baureihe mindestens ein Plug-in-Hybrid- oder ein vollelektrisches Modell im Angebot haben, ab 2030 wird unser Pkw-Angebot sogar nur noch aus rein elektrisch angetriebenen Fahrzeugen bestehen. Ähnlich ehrgeizig sind unserer Elektrifizierungsziele für den Nutzfahrzeugbereich. Das ist für uns eine große Chance, denn ich glaube, dass wir einen sehr vielversprechenden Weg gefunden haben. Wir nutzen die Elektrifizierung, um uns mit den künftigen Produkten stärker vom Wettbewerb zu differenzieren. 

?: Inwieweit spielen die Fahrzeuge wie Fiesta und Focus, die die Tradition der Marke Ford auf dem deutschen Markt geprägt haben, in Zukunft noch eine Rolle? 

Dr. Weingärtner: Wenn ich die letzten 30, 40 Jahre zurückschaue, dann haben wir bei Ford stets Wandel erlebt. Wir haben neue Baureihen auf den Markt gebracht, wir haben andere Baureihen auslaufen lassen, wir haben neue Segmente erschlossen und alte Segmente aufgegeben. Und so wird es auch in der Zukunft bleiben. Baureihen kommen und gehen. Maßgeblich für uns sind die Kundenwünsche. Es geht also um die Frage: Mit welchen Produkten können wir erfolgreich sein oder erfolgreich werden, die die Kunden wollen? 

Nur zwei Beispiele: Die Nachfrage nach Großraum-Limousinen ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen, dafür sind jetzt SUVs groß in Mode. In den 1970er Jahren wollten die Kunden Fließheck-Autos, die gibt es heute eher weniger. Die Kundennachfrage ändert sich und damit auch das Produktangebot und die Fahrzeugsegmente. Wir haben mit dem aktuellen Ford Puma aber auch gezeigt, dass wir eine Baureihe, die es unter diesem Namen bereits früher schon mal gab, weiterentwickeln und sehr erfolgreich wieder auf den Markt bringen können. 

Tradition ist nicht die Weitergabe der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers und das gilt natürlich auch für uns. Unsere Marke hat noch enorm viel Potential. In Amerika ist Ford eine regelrechte Ikone, es gibt dort sogar ein Buch über Ford, das heißt: „The American Icon“.

?:In welchen Segmenten sehen Sie die Marke Ford besonders stark? Wo sagen Sie, hier haben wir den Fokus drauf?

Dr. Weingärtner: Am stärksten sind wir derzeit im Pick-up Segment: In Europa haben wir mit dem Ford Ranger einen Marktanteil von 40 Prozent und in Nordamerika ist die F-Series seit Jahrzehnten die Nummer 1. Dann gibt es andere Segmente, in denen wir ebenfalls stark sind. Wir sind in Europa die Nummer 1 bei den leichten Nutzfahrzeugen, also mit Baureihen wie dem Transit Custom oder dem Transit. Sehr stark sind wir auch im Segment der SUVs, zum Beispiel ist der Kuga ist der bestverkaufte Plug-In-Hybrid in Europa. Es gibt aber auch andere Segmente, die aufgrund sinkender Kundennachfrage schrumpfen und aus denen wir uns dann konsequenterweise zurückziehen – ein Beispiel ist der Ford Mondeo. Dieses sogenannte CD-Segment, in dem die Mondeo-Baureihe zu Hause war, ist über die Jahre hinweg immer kleiner geworden, weil die Kunden auf andere Fahrzeugsegmente umgestiegen sind. Und deswegen haben wir dann letztlich die bewusste Entscheidung treffen müssen, uns aus diesem Segment zurückzuziehen. Wir haben andere Autos in ähnlicher Größe, auf die die Kunden dann umsteigen können. 

?: Der Standort Köln wird in Zukunft eine besondere Rolle spielen. Stichwort Elektrifizierung. Wie sieht das Zeitfenster aus? 

Dr. Weingärtner: Die Ford Motor Company investiert zwei Milliarden US-Dollar in die Modernisierung der Fahrzeugfertigung in Köln. Das ist das größte Investment, das Ford jemals in Köln getätigt hat. Mit dieser Summe wird das Ford-Werk in Köln-Niehl derzeit umfassend umgebaut und modernisiert, um die Produktion von zwei neuen batterieelektrischen Pkw-Baureihen vorzubereiten. Das erste Modell ist ein mittelgroßes, fünfsitziges Crossover, das wir noch in diesem Jahr vorstellen werden. Die Produktion hier in Köln beginnt 2023, die Markteinführung ist ebenfalls für nächstes Jahr geplant. Das zweite Modell, das im Cologne Electrification Center von Band laufen wird, ist ein Sport-Crossover, das 2024 auf den Markt kommt. Das sind superspannende Produkte, die perfekt in unsere neue Ausrichtung passen. 

?: Der Ford Konzern wird weiterhin am Standort Deutschland festhalten?  

Dr. Weingärtner: Ja, auf jeden Fall. Die Entscheidung des Mutterkonzerns, den Produktions- und Entwicklungsstandort Köln zum ersten E-Mobilitätszentrum für Ford in Europa zu machen, ist ein klares Bekenntnis zum Standort Deutschland. 

„Die Entscheidung des Mutterkonzerns, den Produktions- und Entwicklungsstandort Köln zum ersten E-Mobilitätszentrum für Ford in Europa zu machen, ist ein klares Bekenntnis zum Standort Deutschland.“

?: So wird die Tradition der Marke anders fortgesetzt?

Dr. Weingärtner: Genau. Tradition ist nicht die Weitergabe der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers und das gilt natürlich auch für uns. Unsere Marke hat noch enorm viel Potential. In Amerika ist Ford eine regelrechte Ikone, es gibt dort sogar ein Buch über Ford, das heißt: „The American Icon“. Ich würde mal behaupten, davon hat man in Deutschland und in Europa nicht immer sehr viel gemerkt. Ich glaube, dass es ein wahnsinnig gutes Differenzierungsmerkmal in der Zukunft für uns sein kann, wenn wir uns als ein ikonisches Unternehmen mit amerikanischen Wurzeln im Markt positionieren.

Ford Bronco

?: Der amerikanische Ford-Konzern hat in Europa und damit auch in Deutschland mit der Volkswagen AG einen Partner, mit dem er zusammenarbeitet, sowohl in der Fertigung als auch in der Entwicklung. Was steckt dahinter?

Dr. Weingärtner: Wir haben eine beidseitige Kooperation abgeschlossen, die sich sowohl auf den Pkw- als auch auf den Nutzfahrzeugbereich bezieht. Beispiele: Die beiden batterieelektrischen Pkw-Baureihen, die im Cologne Electrification Center ab 2023 vom Band laufen werden, basieren auf dem Modularen Elektro-Baukasten von Volkswagen, also auf einer VW-Plattform. Allerdings werden auch diese Produkte echte Ford sein. In Sachen Design, Fahrdynamik und Interieur werden wir uns sehr klar differenzieren. Umgekehrt basiert der neue VW Amarok auf der nächsten Ford Ranger-Generation und der künftige VW-Transporter auf der Plattform des Ford Transit Custom.

?: Herr Dr. Weingartner, können Sie drei griffige Sätze nennen, warum man in Deutschland einen Ford kaufen sollte?

Dr. Weingärtner: Erstens: Weil man sich in einem Ford bewusst vom Wettbewerb abhebt. Es gibt Modelle wie den Mustang, den Mustang Mach-E oder den Bronco, die kann nur Ford. Zweitens: Weil die Technik, die in unseren Fahrzeugen steckt, wirklich hervorragend ist, Stichwort Konnektivität und Vernetzung. Und drittens: Wir investieren gerade rund zwei Milliarden US-Dollar in die Elektrifizierung unseres Werks in Köln. Das sichert nicht nur Arbeitsplätze hier vor Ort, sondern zeigt auch, dass wir es ernst meinen mit der Elektrifizierung und hier sicher zu den Vorreitern gehören.

 

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